St. Clemens e.V.
Bischofsbrief - 8. August 2009
Diözese St. Clemens in Saratow
Bischof Clemens Pickel
RUS - 410012 Saratow, P.O. Box 1469, Tel. (8452) 274549, Fax 274559, E-mail: pickel@san.ru 
Saratow, den 08.08.09
Liebe Freunde, liebe Wohltäter!
Drei Wochen sind von drei langen Sommerferienmonaten übrig geblieben, dann „geht die Schule wieder
los“. Der 1. September ist ein festes Datum in Russland, mit Tradition, eins der Daten, die seit vielen
Jahrzehnten im Bewusstsein von Generationen fixiert sind. Auch die Babuschkas waren einst, wenn sie
überhaupt das Glück hatten, am 1. September in die Schule gekommen. Zur Tradition gehört u.a., dass
die Kinder an diesem Tag neu eingekleidet werden. Aus den Sachen vom letzten Jahr sind die Jungen
und Mädchen herausgewachsen, oder sie sind einfach abgetragen, zerrissen, geflickt usw. Ich möchte es
deshalb nicht versäumen, erneut um Unterstützung zu bitten. Viele Eltern sind nicht in der Lage, ihre
Kinder mit dem Notwendigsten für die Schule auszustatten, auch Bücher und Hefte gehören dazu. Einen
Hinweis auf das Konto für Spenden füge ich diesmal ganz unten an.
Seit fünf Jahren liegt ein dunkler Schatten auf dem 1. September: „Die Geiselnahme von Beslan … war
ein Terrorakt tschetschenischer Separatisten, die am 1. September 2004 mehr als 1200 Schulkinder und
Erwachsene in Beslan im russischen Nordossetien in ihre Gewalt brachten. Das Massaker forderte
mindestens 396 Todesopfer.“ (wikipedia.org) Pater Janusz, unser Pfarrer in Nordossetien, der nur 20 km
von der Schule entfernt wohnt, war damals einer der Ersten, die zu den überlebenden, verstümmelten
und verstummten Kindern ins Krankenhaus kamen. Wer ihn kennt, weiß von seiner fröhlichen Natur und
seinem väterlichen Herzen. Täglich sah er die Tragödie mit eigenen Augen und bot sich als Priester an:
Eltern, Ärzten, und wieder zu Hause - dem Herrn. Während er eines Abends am Bett eines der Kinder
saß, kam der Stationsarzt ins Zimmer und bat: „Ich brauche ihre Hilfe, Pater.“ Er führte den Priester in
einen anderen Raum. Dort saß eine verzweifelte Mutter neben ihrem elfjährigen, schwerstverwundeten,
sterbenden Kind. Pater Janusz erzählte uns beim Priestertag, vergangene Woche: „Es war, wie ein Schrei
ohne Worte.“ Dann fuhr er fort: „Die Frau war Schwanger. Sie hatte den Glauben an das Leben verloren
und wollte ihr ungeborenes Kind in den kommenden Tagen abtreiben.“ Viel konnte er nicht für sie tun.
Am nächsten Tag kam er bewußt wieder in dieses Krankenzimmer. Der Elfjährige war schon verstorben,
die Mutter nicht mehr da… – Unlängst, beim Priestertreffen am 4. August hatte ich alle gebeten, eine
Begebenheit aus ihrem priesterlichen Leben zu erzählen, egal ob sie ermutigend sei oder Not eröffne.
Pater Janusz hatte eben diese ausgewählt. Das Ereignis von vor fünf Jahren hat eine Fortsetzung. Vor
kurzem, so erzählte P. Janusz weiter, kam eine Frau zu ihm in die Kirche. Sie fragte: „Kennen sie mich
noch?“ Er erinnerte sich nicht. „Sie waren im Krankenhaus bei mir.“ An der Hand hatte sie einen
vierjährigen Sohn.
Wenn ich mich nun schon zum Schreiben gesetzt habe, möchte ich auch Folgendes anfügen. Es handelt
sich um die konkrete Situation einer Familie, der wir helfen können. Es ist noch nicht allzu lange her,
dass ich einen Besuch in Kalmykien gemacht hatte. Unsere Pfarrgemeinden dort sind klein. Ihre wenigen
Mitglieder, Christen verschiedener Nationalitäten, leben in fast urchristlicher Freundschaft zusammen.
Die Kalmykien sind ein buddhistischer Volksstamm mongolischer Herkunft. Ihre Republik besteht fast
ausschließlich aus trockenem Grasland auf salzigem Sandboden. (Vor langer Zeit war das alles vom
Kaspischen Meer bedeckt.) Es gibt nur drei Städte in der Republik, auch in denen ist Strom Mangelware,
was viele andere Rückschlüsse zuläßt. Die Jugend zieht fort, z.B. nach Moskau oder zumindest ins
benachbarte Stavropol. Es gibt wenig Arbeit.
Sergej ist ein junger Vater in unserer St.-Franziskus-Gemeinde in Elista, der Hauptstadt der
kalmykischen Steppe. Er sucht seit langem nach einer Existenzgrundlage für seine Familie. Außer
Gelegenheitsarbeiten findet er nichts. Er ist nicht, wie die anderen, nach Moskau auf Arbeitssuche
gegangen, weil er das Glück seiner Familie nicht auf's Spiel setzen will. „1.500 km fort von zu Hause?
Nein.“ Er hat kein Sparbuch, keine Erbschaft. - Von Beruf ist er Fahrzeugschlosser, soviel ich weiß.
Wenn er einen Kleintransporter hätte, könnte er Obst aus dem 300 km entfernten, vegetationsreichen
Wolgadelta bringen und an Händler auf dem Markt verkaufen. Ein solcher Kleintransporter, gebraucht,
kostet 4.500 Euro. Ich würde Sergej gern das Geld dafür geben. Er verspricht, innerhalb von 18 Monaten
die Hälfte zurückzuzahlen. Der Pfarrer, Franziskanerpater Waldemar, empfahl mir das Anliegen mit
großer Ruhe und – wie mir schien – noch größerer Hoffnung. Mein Vorschlag wäre, dass Sergej die 50
% schon nicht mehr an mich zurück gibt, sondern in seine Pfarrgemeinde, die auch auf Hilfe angewiesen
ist.
Am Mittwoch, den 12. August, begebe ich mich auf den Weg nach Kazan. Dort wird das fünfte
katholische Jugendtreffen mit 250 Teilnehmern aus allen vier Diözesen stattfinden. „Renovabis“ hilft
uns beim Finanzieren, denn trotz eigener Kollekte am Palmsonntag und eines Teilnehmerbetrags, wären
wir nicht in der Lage, die Anfahrtswege (Anflugwege!) im größten Land der Erde zu bezahlen.
Und zum Schluß noch eine Notiz für alle, die sich Informationen auch aus dem Internet holen. Das
Experiment mit einem sogenannten „Blog“ scheint ganz gut zu funktionieren, so dass man nun
regelmäßig kurze Nachrichten aus dem Bistum Sankt Clemens in Saratow, auch mit entsprechenden
Bildern, auf   www.kath-ru.blogspot.com   abrufen kann. Übrigens, das Gruppenfoto dort in der
Titelzeile, entstand vor 6 Wochen in Kalmykien.
Eigentlich müßte ich noch die anderen Beispiele aus dem Leben unserer Seelsorger erzählen, von denen
wir hier am 4. August gehört haben. Aber dafür reicht die Zeit heute sicher nicht. Um aber doch auch
noch zu zeigen, wie sinnvoll und wichtig das Gebet bei all dem ist, füge ich noch eine jener
Begebenheiten hinzu.
Pater Vladislav, heute 70, hatte schon in jungen Jahren den Wunsch, als Priester nach Russland zu
gehen. Es war die Heimat seiner Vorfahren. Der Eiserne Vorhang war aber leider zu dicht, um seinem
Traum eine Chance zu geben. Darum ging er in die Mission, nach Afrika. Dort lebte er 20 Jahre. Wie die
meisten seiner Mitbrüder, erkrankte er an Malaria. Er mußte heimkehren. Alle, die mit ihm nach Afrika
gegangen waren, starben an schweren Krankheiten. „Ich mußte doch wohl am Leben bleiben“, erzählte
er uns und verband es mit der bereits unerwarteten Möglichkeit, doch noch nach Russland zu gehen, die
sich ihm vor fast 20 Jahren bot. Der Erzbischof in Moskau ernannte Pater Vladislav Mitte der 90-er zum
begleitenden Seelsorger der Pilgermadonna aus Fatima, die damals über riesige Entferungen von
Gemeinde zu Gemeinde, von der Ostsee bis zum Stillen Ozean, übergeben wurde. Ich erinnere mich,
dass es ein sehr kalter und stürmischer Winter war. Damals wurde nach Smolensk gemeldet, dass Pater
Vladislav am nächsten Morgen um 8.00 Uhr mit dem Zug aus Moskau kommend, einträfe, um die Statue
in die dortige Pfarrgemeinde und ins nahegelegene Katyn zu bringen. (wikipedia.org: „Im Massaker von
Katyn ermordeten im Frühjahr 1940 Einheiten des sowjetischen Innenministeriums NKWD in einem
Wald bei Katyn (RSFSR) mehrere tausend polnische Offiziere und Zivilisten.“). Pater Vladislav und ein
jugendlicher Begleiter saßen seit vielen Stunden mit der Marienstatue im Zug. Man bedenke den
russischen Winter, und dass es zu jener Zeit keine Handys gab. Da erfährt der Priester vom Zugbegleiter,
dass der Zug nicht um 8.00 Uhr, sondern bereits früh um 4.00 Uhr in Smolensk eintreffen würde. „Frost,
eisiger Wind, kein Bahnhofsgebäude, Räuber, … und wir mit der kostbaren Marienfigur aus Fatima!“ –
All das schoß ihm nun durch den Kopf. „Uns blieb nur zu beten. Und das haben wir getan.“ In jener
Nacht – so märchenhaft es klingen mag – hatte eine Ordensschwester in Smolensk den Traum, dass der
Zug mit der Gottesmutter von Fatima eher eintreffen werde. Sie wurde wach, rief am Bahnhof an und
bekam die bestätigende Antwort. Als der Zugbegleiter Pater Vladislav um 4.00 Uhr morgens die
Wagentür in Smolensk öffnete, wurde er von einer singenden Pfarrgemeinde begrüßt: „Ave, ave, ave,
Maria, …“
Nun habe ich das Limit von 2 Seiten überschritten. Da müssen wir wohl bald auch noch eine Sammlung
für Briefpapier machen. ☺
Ich freue mich, dass ich Zeit hatte, diesen Brief zu schreiben und grüße alle ganz herzlich!
Ihr
      + Clemens Pickel
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