St. Clemens e.V.
Bischofsbrief - 22. Oktober 2009
Diözese St. Clemens in Saratow
Bischof Clemens Pickel
RUS - 410012 Saratow, P.O. Box 1469, Tel. (8452) 274549, Fax 274559, E-mail: pickel@san.ru 
 
Herzlichst
      + Clemens Pickel
Liebe Freunde in Deutschland, in der Schweiz und in Tschechien!
Alle meine Freunde und Verwandten, hierin fest eingeschlossen: die Wohltäter des Bistums Sankt Clemens
in Saratow, möchte ich herzlich zum Weihnachtsfest grüßen. Es vereint uns auf mystische Weise, denn wir
haben alle damit zu tun, sind Geschwister des Neugeborenen. Und Er ist Gottes Sohn: Menschenkind der
Liebe.
In meiner Wohnung hängt ein großes Kalenderblatt an der Wand, auf dem ich Termine, Reisen und Gäste
des Jahres 2009 vermerkt habe. Neben Mexiko, Rom und Jerusalem, sind dort sehr viele Städtenamen aus
dem Gebiet Südrusslands, meines Bistum, eingetragen. Der Blick auf jenen Kalender weckt nicht nur
Erinnerungen, sondern auch ein ganz aktuelles Bewusstsein von Verbundenheit, Dank und Sehnsucht: die
Pastoralkonferenz mit allen Priestern und Ordensleuten des Bistums im Mai, das V. Russische
Jugendtreffen in Kasan, die beiden Begegnungen mit dem Papst, … Ich sehe, der Kalender ist eine gute
Vorlage für ein langes Gebet zum Jahresabschluss.
Als ich heute das ganze große Kalenderblatt mit meinen Notizen gelesen hatte und weiterging, fielen mir
auch Dinge ein, die dort nicht vermerkt sind, weil sie „klein“, unerwartet oder traurig waren. Das müsste
noch dazu ins Gebet vor den Herrn von Zeit und Ewigkeit, auch wenn ich mich nicht mehr genau an die
Daten erinnere. Auch die viele Hilfe, die mir im Laufe des Jahres zuteil wurde oder die ich weitergeben
durfte, … steht nicht im Kalender! Oh, das Kalenderblatt (100 cm x 70 cm) reicht nicht aus!
Es ist der Bewunderung wert, wie sich große katholische Hilfswerke in Deutschland unermüdlich bemühen,
unsere Lage zu verstehen und uns zu unterstützen. Im Vergleich zur Kirche in anderen ehemaligen
Ostblockstaaten, sind wir ja immer noch weit davon entfernt, auf eigenen Füßen zu stehen. Auch wenn
diese Werke mit dem Tempo der Inflation in Russland nicht immer mithalten können, haben sie doch noch
viele Projekte in anderen Ländern am Laufen, muss und will ich unseren Partnern von ganzem Herzen
Dank sagen nach Freising (Renovabis), nach Königstein und Luzern (Kirche in Not) und nach Freiburg und
Paris (Caritas). Aber auch ins Bistum Dresden-Meißen (und persönlich ins Haus von Bischof Reinelt), in
die Bistümer Osnabrück und Erfurt, nach Heiligenstadt (dem St.-Clemens-Verein) und ganz besonders
meinen Eltern, … sage ich von - und im - Herzen Danke!
Das Anfang des Jahres erschienene Buch mit meinen Briefen von 1990 bis 2008 („Ein Deutscher – Bischof
in Russland“), veranlasste mich selbst zurückzuschauen. Mit wie rasanter Geschwindigkeit hat sich das
öffentliche Leben in Russland in diesen Jahren geändert, während anderes, in der Tiefe, unverändert blieb! 
Ich erinnere mich an das halbe Stückchen Schokolade, dass jedes Kind im Dorf Polekowskij Anfang der
90-er zu Weihnachten geschenkt bekam. Was war das für eine Freude! – Zu Weihnachten 2009 wird es eine
ganze Tafel sein, eine Apfelsine und ein kleines Plüschtier. Es klingt paradox, doch geht es den Kindern in
Dörfern und kleinen Städten heute nicht besser, sondern eher schlechter als damals. Im Dorf Fjodorowka
hat sich ein zehnjähriges Mädchen in der Scheune erhängt, weil es sich von seinen Eltern nie geliebt fühlte.
Im Dorf Raskatowo hat ein Vater einen anderen Vater in einem Streit unter Betrunkenen erschlagen,
während die Kinder zum Religionsunterricht kamen. Im Dorf Alexejewka habe ich zwei Schulmädchen
gefirmt, die in Strümpfen zur Kirche kamen, weil sie keine Schuhe hatten und ihre (noch)
erziehungsberechtigte Mutter wegen erneuten Diebstahls im Gefängnis sitzt. Die beiden kümmern sich mit
dem Verantwortungsgefühl von Erwachsenen um ihren kleinen Bruder. Wie viele Kinder und Jugendliche
in Marx haben die Schweinegrippe fast ohne Medikamente – Gott sei Dank – überlebt! Zwei von unseren
kleinen, blassen Schützlingen aus dem neuen Kinderzentrum in Marx, Schwestern mit großen Augen und
langen Haaren, wurden im Herbst vom Jugendamt ins Kinderheim gebracht, weil die Eltern selten nüchtern
sind. Wenn heute jemand von uns zu Besuch zu den wegen Ungeziefer Kurzgeschorenen kommt, weinen
sie herzzerreißend. Mindestens bis Januar müssen sie noch bleiben. Wir versuchen, nicht zum ersten Mal,
mit den Eltern zu arbeiten, damit die Kinder eine Chance auf Heimkehr bekommen.
Es ist leicht, von der auseinandergehenden Schere zwischen Armen und Reichen zu reden. Emotional kann
es sehr bedrückend werden, wenn man es mit eigenen Augen zu sehen bekommt. Und doch bleibt es eine
große Freude, die Armen zu kennen und ihnen helfen zu dürfen, so weit es geht. Genauer betrachtet, liegt
der Grund zur Freude nicht in der eigenen „Wohltätigkeit“, sondern in der Freude der Ärmeren, in der ein
anderer Reichtum zu uns durchschimmert, der uns nach Betlehem führt.
Ich wünsche Ihnen und Euch allen ein an Gnaden reiches Weihnachtsfest, eine echte Christusbegegnung,
Frieden und frohen Sinn, und für das kommende Jahr einen kräftigen Segen Gottes, der schützt und
durchdringt, so dass keiner und nichts so entscheidend sei wie Er, der auf die Erde kam, damit wir den Weg
zum Himmel finden!
3. Adventssonntag, 13. Dezember 2009
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