St. Clemens e.V.
Bischofsbrief - 22. Oktober 2009
Diözese St. Clemens in Saratow
Bischof Clemens Pickel
RUS - 410012 Saratow, P.O. Box 1469, Tel. (8452) 274549, Fax 274559, E-mail: pickel@san.ru 
 
+ Clemens Pickel
Saratow, den 22.10.2009
Meine lieben „alten“ Freunde!
Die Möglichkeit, Nachrichten im Internet unterzubringen und „schnelle“ Briefe per E-Mail zu verschicken, flößt mir das beruhigende Gefühl ein, dass ich doch „eigentlich schon geschrieben“ habe. Dennoch weiß ich, dass nicht alle mit den modernen Methoden der Informationstechnik Umgang haben und setzte mich deshalb endlich wieder einmal an einen ganz normalen Brief. Es gibt keinen speziellen Anlass dafür. Ich werde einfach ein bisschen erzählen.
Morgen fahre ich mit dem Linienbus nach Woronezh, was elf Stunden in Anspruch nehmen wird, um am Wochenende zwei Gemeinden an der Westgrenze (nämlich zur Ukraine) des Bistums zu besuchen. Direkt von dort breche ich am Montag auf, um in insgesamt 5 Flugstunden nach Nowosibirsk zu gelangen, ins Herz Sibiriens, wo ich ab Montagabend (bis Sonntag, Allerheiligen) meine Jahresexerzitien verbringe. Ich freue mich schon sehr darauf. Beim Wetterdienst habe ich nachgeschaut: Schnee und Frost erwarten mich dort, so wie es sich für Sibirien gehört. Ich werde im Noviziatshaus der Jesuiten wohnen. Die geistliche Begleitung hat mir Pater Alexej Striczek SJ zugesagt, ein weiser, gelehrter, fröhlicher und gütiger Mann von 93 Jahren.
Der Sommer mit seinen vielen Veranstaltungen und Terminen ist endgültig vorüber. Ein bisher trockener Herbst lässt die Sonne aber vorläufig weiterhin scheinen. Zweimal war ich in der letzten Zeit in Deutschland. Osnabrück, Erfurt und Berlin standen dienstlich auf dem Programm, Heiligenstadt – privat. Die letzten Urlaubstage in diesem Jahr hatte ich mir für den 80. Geburtstag meiner Mutter aufgehoben, den wir in Ruhe mit den 30 engsten Verwandten feierten. Wenn ich auf die verbleibenden zwei Monate des Jahres vorausblicke, erwarten mich noch einige wenige Besuche in Pfarrgemeinden, relativ viel Zeit fürs Büro, was gegen Jahresende auch nötig ist, und zwei Auslandsflüge im November: einer zur Sitzung vom Päpstlichen Rat „Cor unum“ nach Rom, und einer mit Priestern und Ordensleuten meines Bistums, die noch nicht im Heiligen Land waren, nach Israel.
Abgesehen von den großen traditionellen Treffen im Bistum, besonders zur Pastoralkonferenz und in der Karwoche, hatten wir in diesem Jahr einen weiteren Tag der Begegnung für die Priester unserer Diaspora. Das war am 4. August, dem Fest des hl. Johannes Maria Vianney, den Papst Benedikt zum Patron des Priesterjahres (19.06.09-11.06.10) vorgeschlagen hatte. Und weil es wegen Terminüberlagerungen Anfang Februar keinen üblichen Schwesterntag gab, haben wir den am 7. Oktober nachgeholt. Jede dieser Begegnungen war von der besonderen Freude geprägt, die uns in unserer geistlichen Berufung in dieses Land verbindet. Deo Gratias! – Gott sei Dank! Wir haben neue Priester, die im laufenden Jahr dazugekommen sind, und neue Schwestern. Andere sind in ihre Heimatländer zurückgekehrt, so dass die Priesterzahl im Bistum sogar etwas abgenommen hat. Unser letzter Seminarist hat vor einigen Wochen das Studium aufgegeben, was einerseits traurig macht, uns andererseits aber mit der Nase auf den Boden der Tatsachen stößt, die wir 20 Jahre nach dem Mauerfall in Berlin auch hier zu leicht vergessen: Die Wunden des gottlosen Kommunismus sind nicht verheilt. Wie viele Jahre es braucht, bis das verstrahlte Land um Tschernobyl wieder bewohnbar ist, kann man ausrechnen. Wenn aber Seelen in der „Erbmasse“ verkrüppelt wurden, haben sie dann überhaupt noch eine Chance? Bei Gott ist alles möglich. Aber wir sehen: es braucht viel Zeit, Geduld, Kraft – unsere Zeit, unsere Geduld, unsere Kräfte.
Gleichzeitig möchte ich nicht müde werden, von dem bisher nicht ausbleibenden Wunder zu erzählen, das wir in der einheimischen Ordensgemeinschaft der „Dienerinnen Jesu in der Eucharistie“ erleben: Auch in diesem Jahr sind neue Kandidatinnen nicht ausgeblieben. Nicht alle bleiben, aber alle mühen sich aufrichtig, suchen und lernen, an sich zu arbeiten. Drei Niederlassungen der Gemeinschaft befinden sich in meinem Bistum, eine davon bei mir in Saratow. Die Schwestern führen mir den Haushalt und sind – die einzigen zwei – Sekretärinnen im Büro. „Ordinariat“ - würde man in Deutschland sagen. Dafür bin ich dem Herrn sehr dankbar. Habe ich doch nie gelernt, „richtig“ Bischof zu sein. In meinem Dienst hat mir keiner so viel geholfen, wie diese Schwestern.
Oft schreibe ich in meinen Briefen von sozialen Nöten der Menschen, denen ich begegne. Das fiel mir natürlich auch auf, als ich meine gesammelten Briefe von 1990 bis 2008 las, die mein Bruder als „Ein Deutscher – Bischof in Russland“ beim Benno-Verlag in Leipzig herausgegeben hat. Natürlich sind diese Briefe kein „Tagebuch“. Da hinein würde ich anderes schreiben. Es gibt Nöte, die mich noch mehr bewegen, die aber selten in einen Brief oder auch ein Gespräch passen, weil die Vorgeschichten und Zusammenhänge oft so umfangreich sind, oder auch weil es Dinge sind, die man besser vor den Herrn bringt, als vor die Leute. Und es gibt, zum Glück, auch Freude, die in die Stille gehört.
Schon bald nach meiner Bischofsweihe, nach elf Weihejahren umso mehr, ist mir klar geworden, dass ich trotz allen Gegenruderns, weiter weg von den einfachen Leuten bin als vorher. Als ich vor einem Monat nebenbei von erblindenden Kindern in einem Dorf hörte, nahm ich mir die Zeit und fuhr hin. Mir ließ die Geschichte keine Ruhe, doch wohl auch wegen meiner zwei eigenen, stark sehgeschädigten Brüder. Im Dorf zu leben, ist in Russland das absolute Gegenteil von Glück, jedenfalls in einem der Dörfer im Gebiet Saratow. Verfallende Häuser mit Kommunalwohnungen und fehlenden Eingangstüren, schlechte Schulen, kein Gesundheitswesen, Arbeitslosigkeit, kein Geld, aber ... Wodka. Da bin ich einem Mädchen begegnet, 15 Jahre, die auf einem Auge leicht kurzsichtig ist (-1 dpt), auf dem anderen jedoch schon mehr als stark: -13 dpt, Sehschwäche zunehmend! Sie hat nie eine Brille besessen. Dass sie ständig Kopfschmerzen quälen, hält sie schon fast für normal. Sie lebt bei den Großeltern, bei denen es ihr nicht gut zu gehen scheint. Ich konnte nicht alles gleich fragen, spürte aber möglicherweise das Thema Alkohol im Hintergrund. Ihre krebskranke Mutter arbeitet Hunderte Kilometer weg vom Dorf, um – so lange sie noch kann – dem Kind die Augen-OP zu bezahlen. An ihre eigene denkt sie gar nicht... Wenn ich Priestern und Ordensleuten versuche zu helfen, hier ihren Platz zu finden und auszuhalten, tue ich das immer auch in der Hoffnung, dass die an der Basis den Kontakt zu den Armen haben, und dass sie ihnen helfen, soweit es geht. Mir fällt da ein großartiges Beispiel ein, wie nämlich eine Ordensschwester längst gegen alle Hoffnung und mit dem Einsatz ihrer eigenen Gesundheit eine Jugendliche vor dem staatlichen Kinderheim „bewahren“ konnte, indem sie die – ich bitte um Verzeihung – verlauste, täglich total betrunkene Mutter innerhalb von 4 Monaten vom Alkohol wegholte. Oder: Die Sache mit dem Pfarrer, der plötzlich drei Kinder „hatte“, weil deren Vater über alle Berge war und die Mutter ins Gefängnis kam. Die Kinder hatten „Asyl“ im Pfarrhaus gesucht, als die Polizei kam, um sie in eine Erziehungsanstalt zu holen... Wenn also einer meint, es gebe heute keine Wunder mehr, dem kann ich nur sagen: Herzlich willkommen und Augen auf!
Ich möchte mich herzlich für jegliche Unterstützung bedanken. Es ist ein großes Gut zu wissen, dass man Freunde hat. Ich danke für Ihr und Euer Vertrauen, für jedes Gebet zum Himmel, wir brauchen es sehr, für Pakete, für materielle und finanzielle Hilfe, wobei ich einmal ganz besonders den „St. Clemens e.V.“ hervorheben möchte, mit dessen Hilfe ich schon öfters in bedrohliche Situationen eingreifen konnte, für die der bürokratische Amtsweg der großen Hilfswerke zu langsam ist, bzw. die dort nicht ins Projektschema passten. Natürlich kann ein kleiner Verein kein großes Hilfswerk ersetzen, aber er springt in die Lücke, durch die ohne seine Hilfe schon manche gerutscht, sprich: gefallen, wären.
Irische Segenswünsche sind seit ein paar Jahren modern. Ich habe keinen. Vielleicht tut’s auch ein persönlicher? Von Herzen wünsche ich Ihnen allen die Nähe des Herrn, schon heute, und morgen, …!
Ihr
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