St. Clemens e.V.
Bischofsbrief - 13. September 2009
Diözese St. Clemens in Saratow
Bischof Clemens Pickel
RUS - 410012 Saratow, P.O. Box 1469, Tel. (8452) 274549, Fax 274559, E-mail: pickel@san.ru 
Saratow, den 13.09.09 (spät abends)
Liebe Freunde in Deutschland!
Schnell ein paar Reisnotizen, bevor’s wieder an die Arbeit geht:
Mein Pastoralbesuch in Vladikavkaz war ein ganz gewöhnlicher, jedenfalls vom Plan her. Abflug:
Freitag 6.50 Uhr, Heimkehr: Sonntag: 22.05 Uhr. Im Gegensatz zu den anderen Gemeinden im Bistum,
versuche ich ganz regelmäßig, jedes Jahr, einen kleinen Besuch in der nordossetischen Hauptstadt zu
machen. Die Region wurde schon oft von Konflikten, Terroranschlägen und Naturkatastrophen
heimgesucht. Die Pfarrgemeinde hat, im Gegensatz zu allen anderen im Bistum, keine einzige
Außensation oder Filiale. Der Pfarrer hat weder einen Kaplan, noch Ordensschwestern, die ihm zur
Seite stehen. Überall sonst im Bistum ist das anders. Darum ist der Hauptgrund meiner Besuche ein
Zeichen brüderlicher Verbundenheit, nichts weiter.
Gleich nach meiner Ankunft am Freitagnachmittag boten mir Pfarrer und Caritasdirektor einen Ausflug
in die Berge an. Ich konnte nicht nein sagen. Der Kaukasus ist wunderschön, nicht nur auf seinen
Gipfeln. Und es war Zeit, erste Neuigkeiten zu erfahren. Innerhalb einer Stunde waren wir so weit
draußen, dass ich mich ins Mittelalter versetzt fühlte. Wir besuchten ein aus wuchtigen Steinen
gebautes Dorf, in dem seit Jahrzehnten keiner mehr wohnt, aber auch ein im Bau befindliches
orthodoxes Kloster, in dem Drogensüchtigen geholfen wird.
Auch für Samstag, an dem wir das Fest Mariä Namen feierten, war ein Ausflug geplant. Diesmal aber
mit der ganzen Gemeinde, bzw. mit denen, die nicht zur Arbeit bzw. zum Studium mußten. Nach der
Frühmesse, die voll war wie sonntags, standen ein kleiner Autobus und ein paar PKW’s bereit, um uns
– über 40 Personen – zum Picknick an einen sehr schön und ruhig gelegenen Platz zu bringen. Den
ganzen Tag über blieben wir dort. Von 84 Jahre bis 4 Monate war jede Altersgruppe vertreten. Es war
Platz zum Spielen, Zeit zum Erzählen und Wandern. Es bildeten sich den ganzen Tag über keine
„Grüppchen“. Die ganze Gemeinde zeigt auf lebendige Weise, wie Kirche Familie sein kann. Das zu
sehen, hat mich sehr gefreut. Pfarrer Janusz Blaut hat großes Verdienst daran.
Vor fünf Jahren und zwei Wochen waren hier in der Nähe, nämlich in Beslan, einem Vorort von
Vladikavkaz, etwa 400 Menschen, davon fast 200 Kinder, bei einem Terroranschlag ums Leben
gekommen. Man spürt unter den Leuten, dass die Wunde nicht verheilt ist, auch wenn damals niemand
aus unserer Pfarrgemeinde ums Leben gekommen war.
In den Gesprächen dieses Tages lernte ich eine Frau kennen, die 6 Jahre lang in Wurzen, einer
Kreisstadt, 15 km von meinem Heimatort Grimma in Sachsen, gelebt hatte. Ihr Mann war als
Sowjetsoldat in der DDR stationiert. Kontakt zu Einheimischen hätte die Versetzung innerhalb von 24
Stunden zur Folge gehabt, und zwar nach Hause, in die Sowjetunion. Trotzdem, so erzählte sie mir,
kaufte sie Erdbeeren bei einer sächsischen Rentnerin. Sie genoss die „Wurzener Butterkekse“ usw. usf.
Der Anflug von Nostalgie nahm sein Ende, als sie vom nächsten Einsatzort ihres Mannes berichtete,
nämlich weit östlich des Baikalsees, wo man das Wasser wegen Giftgehalt nicht trinken durfte und die
Fliegen so groß wie kleine Finger waren. (Ihr Mann und zwei ihrer Kinder waren übrigens auch mit
beim Picknick dabei. Wo im Leben war der Moment, der sie zur Kirche brachte?!) Von Fernost kamen
sie dann hier her, nach Ordzhonikidze. So hieß Vladikavkaz in sowjetischer Zeit. 1998, im Jahr, als ich
zum Bischof geweiht wurde, wenige Tage, bevor ich meinen ersten Besuch in Vladikavkaz machte,
ging sie mit ihrer 18-jährigen Tochter zur Polizei, einen neuen Pass beantragen. Es war Mittagszeit. Sie
kamen wenige Minuten zu spät. Es war schon geschlossen. Die Tochter bat ihre Mutter, dann doch
wenigstens mit ihr auf den Basar zu gehen und etwas einzukaufen. Gesagt - getan. Dort aber brach die
Hölle über sie herein. Mitten im Markttreiben explodierte plötzlich eine Bombe. Wanda, so heißt die
Frau, war schwer verletzt und sah als Letztes, so habe ich verstanden, wie ihre Tochter auf dem Boden
kroch, bevor sie das Bewußtsein verlor. Dass ihrer Tochter durch die Explosion ein Bein abgerissen
wurde und sie noch auf der Straße verstarb, bevor Hilfe kam, erfuhr die Mutter Wochen später.
Unser damalige Pfarrer von Vladikavkaz, P. Stephen, ein Schotte, beschloss mit seinen Helfern, alle
Verletzten dieses Bombenanschlags in den Krankenhäusern der Stadt aufzusuchen. Es waren viele! Zu
Wanda - baten die Ärzte - „nur ganz kurz“. Sie war die am schwersten Veletzte unter den
Überlebenden. Als sich unser Caritasdirektor vorstellte als „von der katholischen Kirche“, riß die Frau
die Augen weit auf. Ihr „Was?“ war schwer zu deuten. Dann sagte sie: „Ich bin katholisch.“ Sie stammt
aus der Westukraine, hatte also ein katholisches Eltern- oder Großelternhaus. Und jetzt erinnerte sie
sich wie zum ersten Mal im Leben daran und sprach es aus. – „Der Pater ist im Zimmer nebenan. Er
kommt gleich“, beruhigte sie der Caritasdirektor. In den darauf folgenden Tagen war Pater Stephen
noch oft bei ihr zu Besuch. Und als die Ärzte die Frau für stark genug hielten, die Todesnachricht der
Tochter zu ertragen, war die Frage, wer es ihr sagen soll. Pater Stephen hat es getan. Wanda erzählte
mir gestern: „Wenn es mir jemand anderes gesagt hätte, auch, wenn es jemand von den Verwandten
gewesen wäre, ich hätte doch wohl den Verstand verloren. Ich danke ihnen allen sehr.“
Heute, zur Sonntagsmesse, war die „Kirche“ – das ist ein großes Zimmer in einem normalen Haus – bis
auf den letzten Platz gefüllt. Auch wer am Samstag nicht konnte, war heute da. Die Gemeinde ist klein.
Aber sie wächst. „Zum erstenmal in all den Jahren, die ich hier bin“, berichtete mir Pfarrer Blaut mit
Freude in den Augen, „haben wir zwei Trauungen hier in Vladikavkas.“ Eins der beiden Paare sind
junge Leute, die sich bei unseren Katechetenkursen für Laien kennengelernt hatten. Danke, Renovabis!
Indirekt ist so die Freisinger Projektfinanzierung zur „Ehevermittlung“ geworden. Am Rande,
zumindest! Die Zeit bis zur Abfahrt zum Flughafen nutzte ich noch für Gespräche mit den
Jugendlichen, die am Vortag nicht mitkommen konnten, die ich aber von Jugendtreffen her kenne.
Auch sie sind sehr dankbar für ihre Seelsorger. Man muß das alles am besten selber sehen!
Pfarrer Blaut brachte mich bis zur Sicherheitskontrolle vor dem Einstieg ins Flugzeug und lud mich für
kommendes Jahr wieder ein. Als ich beim Umsteigen in Moskau im Terminkalender nachschaute und
ihm per SMS den 4. September anbot, bedankte er sich postwendend. In den kurzen Zeilen seiner
Antwort auf’s Handy konnte man ungespielte Bescheidenheit und Freude lesen.
Ich schließe, denn wie ich gerade sehe, ist es inzwischen schon Montag geworden. Es war die einzige
Gelegenheit, nicht wegrutschen zu lassen, was doch erzählenswert ist. Nach zwei Tagen im Büro und
mit Gästen, breche ich Mittwoch nach Deutschland auf, wo ich nach Osnabrück und Erfurt eingeladen
bin.
Mit einem ganz herzlichen Gruß!
Ihr
+ Clemens Pickel
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