St. Clemens e.V.
Bischofsbrief - 1. August 2010
Diözese St. Clemens in Saratow
Bischof Clemens Pickel
RUS - 410012 Saratow, P.O. Box 1469, Tel. (8452) 274549, Fax 274559, E-mail: pickel@san.ru 
Saratow, den 1. August 2010
+ Clemens Pickel
Liebe Freunde!
„Schematismus“ nennt man das Adressbuch einer deutschen Diözese, in dem alles Dazugehörige
nach Dekanaten, Pfarreien und anderen kirchlichen Einrichtungen geordnet ist. Ein Namensregister
der Priester, gehört immer dazu. Im Dresden-Meißener Schematismus konnte man vor 20 Jahren
unter „Pickel, Clemens“ den Vermerk finden: „… Ab 1. August 1990 freigestellt für die Seelsorge in der
Sowjetunion“. Ich hatte selbst darum gebeten, als die Mauer noch zu war, im August 1989. Und mein
Bischof, Joachim Reinelt, hatte sofort zugesagt. Auch wenn der Mauerfall nicht gekommen wäre, hätte
er meine Kaplansstelle in Kamenz nach den nächsten Priesterweihen im Juni 1990 neu besetzt und
mich gehen lassen, für drei Jahre. Bis heute bin ich ihm dankbar für sein „apostolisch“ weites Herz.
20 Jahre, auf den Tag genau, ist es also her, dass ich mit zwei Koffern und einem DDR-Reisepass
von Berlin-Schönefeld nach Leningrad und von dort, mit zwei weiteren Zwischenlandungen, ins
sowjetische Mittelasien flog: nach Duschanbe, wo ich am 2. August vor Sonnenaufgang landete. Das
war der Tag, an dem der unausweichlich nahende Krieg im Irak begann. Einen Monat vorher, am 1.
Juli 1990, wurde mein Sparguthaben in „Westmark“ umgetauscht, 1:1. Nun war ich auf dem Weg in
meine neue Wahlheimat …
Den Kontakt nach Hause hielt ich mit Briefen. Es gab kein Internet, keine SMS, und sogar das
Telefonieren musste gelernt sein: Eine Woche vorher hatte man das Gespräch im Postamt
anzumelden. Die gewünschte Gesprächsdauer musste im Voraus bezahlt werden, z.B. sechs Minuten.
Meistens wurden die Linien dann nachts durchgeschaltet. Es konnte vorkommen, dass man nachts
halb zwei einen Anruf bekam und bestätigen musste, dass man der sei, der ein Gespräch bestellt
hatte. Dann hieß es: warten. Bis zu 30 Minuten drückte ich mir den Hörer ans Ohr, bis die Linie stand.
Manchmal brach sie zusammen, obwohl noch ein paar Minuten vom bezahlten Limit übrig waren.
Beschweren war zwecklos. Hatten sich doch – ich weiß nicht wie viele - Telefonistinnen auf den 5.000
km zwischen Tadschikistan und der Magdeburger Börde alle Mühe gegeben! Ein Brief in die DDR
kostete 5 Kopeken, einer in die BRD - 50 Kopeken. Zehnmal mehr! Das war der Unterschied zwischen
Sozialismus und Kapitalismus.
Selten habe ich es erzählt, dass ich zwei Monate lang, vom 1. August bis zum 4. Oktober 1990
beinahe jeden Abend beim Schlafengehen überlegte, wie ich – ohne mich zu blamieren – vielleicht
doch schon nach einem Jahr zurück nach Deutschland gehen könnte. Es war nicht ganz so einfach,
wie es mir während der Besuche in der Studienzeit schien. Besonders meine ungenügenden
Sprachkenntnisse (trotz sechsjährigem Pflichtrussisch in der Schule) behinderten mich im Alltag. Zwar
waren die Messen in Duschanbe zu der Zeit – außer samstags – alle noch in Deutsch. Aber predigen
musste man schon auf Russisch, wenn man wollte, dass es die Jüngeren verstehen. Für die vielen
Krankenbesuche in Duschanbe, einer Stadt, so groß wie Leipzig, genügte Deutsch, denn es waren
durchweg Russlanddeutsche, alte Menschen, die auf den Priester warteten. Wenn es Benzin gab,
besuchte ich sie mit dem pfarreigenen Auto, einem roten, russischen Lada 2103. Ein Traumauto im
Vergleich zum Trabant, der mir vorher, als Kaplan in der sächsischen Diaspora, zugeteilt war.  Zur
Sonntagnachmittagssmesse ins 100 km südlichere Kurgan Tjube fuhr ich gewöhnlich mit dem
Linienbus, weil ich Kühe, unmarkierte Löcher und Steine auf der Straße noch ebenso wenig gewohnt
war, wie die nächtlichen Autofahrer ohne Licht. Es hatte jedesmal einen Hauch von wilder
Wettkampfstimmung an sich, als ob der, der sein Licht zuletzt einschaltet, gewonnen hätte.
Dass sich mein Verhältnis zur Aufenthaltsdauer dann einschneidend änderte, verdanke ich jungen
Menschen, die Christus tatsächlich ihr Leben schenkten und die Kirche liebten; - Formulierungen, die
mir bis dahin immer zu hochtrabend und pathetisch klangen. Nun aber hatte ich Ordensschwestern
kennengelernt, auf die das ohne Umschweife zutraf, die praktisch noch im Untergrund lebenden
„Dienerinnen Jesu in der Eucharistie“. Ihr hingebungsvoller, selbstloser Umgang mit den Menschen,
ihr klares christliches Zeugnis, ihr ruhiges Gebet, ihr Vertrauen und ihre Freundschaft ließen mich
tiefer verstehen, wie sehr man hier auf Priester gewartet hatte. Und ich war Priester, …! „Was hindert’s
also, dass ich bleibe?“ (vgl. in Abwandlung: Apg 8,36 c) Und so schrieb ich eines Tages, vor Ablauf
der Dreijahresfrist, eine Bitte um Verlängerung der Freistellung, die ich gegen die Erwartungen vieler
bekam, und zwar gleich für 5 Jahre. Kurz bevor auch die vorbei waren, kam von Johannes Paul II. die
Ernennung zum Bischof…
20 Jahre! Eine sehr interessante Zeit. Gesellschaftlich orientierte Beobachter würde sie vielleicht so
überschreiben: Vom Zusammenbruch der Sowjetunion bis zu den Anfängen ihres Wiederaufbaus. –
Das sollte natürlich ein Spaß sein. Aus kirchlicher Sicht war es eine Zeit, in der sich katholische
Caritas als internationale Organisation sehr engagierte, eine Zeit, in der Russland interessant war und
Priester und Ordensleute aus der ganzen Welt kamen, um den nun weit verstreuten Katholiken wieder
ein zu Hause zu geben, kleine Strukturen, Gemeinden und letztlich sogar vier Bistümer. Es waren
große Jahre mit „Kirche in Not“ und „Renovabis“. Manchmal war ich sehr beschämt, als umfangreiche
Hilfsprojekte mit der Zeile abgeschlossen wurden: „Wir danken für die Zusammenarbeit.“ Ja, danke!
Möchten auch wir immer wieder sagen. Die Aufbruchsstimmung in Deutschland schwappte manchmal
bis hierher herüber. Kontakte, Gäste, Spenden, … Es war auch eine Zeit wachsender ökumenischer
Missverständnisse (katholisch-orthodox), mit denen wir in schwereren Jahrzehnten nie gerechnet
hätten. Das anfänglich große Potential der katholischen Russlanddeutschen, haben wir verloren.
Deren Auswanderung nach Deutschland hat unser Kirchenbild vor Ort sehr verändert. Nicht wenige
der heute hier tätigen Seelsorger sind müde (oder auch einfach: alt) geworden. Werden wir es
schaffen, der katholischen Kirche in Russland nach ihrer „Wiedergeburt“ auf die eigenen Füße zu
helfen, bevor die vielen ausländischen Priester in ihre Heimatländer zurückkehren? Über Jahre hinweg
spüre ich eine systembedingte Ungeduld bei unseren ausländischen Partnern. Auch ich komme bis
heute manchmal nur schwer darüber hinweg, wie langsam Vieles hier geht. Eins der positivsten
Beispiele für Verständnis sind die Hiltruper Missionare (MSC), denen ich hier stellvertretend für alle,
sehr herzlich für ihre Verbundenheit danken möchte.
Schon 12 der letzten 20 Jahre bin ich Bischof. Ich habe mich noch nicht daran gewöhnt. Wer in
meinem Internet-Blog liest, kann sich manchmal zusammenreimen, dass ich lieber Pfarrer wäre. Aber
es wäre sehr undankbar von mir, wenn ich die guten Erfahrungen des Bischofsalltags ignorieren
würde! Ich kenne zum Beispiel alle Pfarrgemeinden im Bistum und weiß, wie sich viele um ihren
christlichen Glauben bemühen. Ich habe oft Gelegenheit, Priestern, Ordensleuten und Laien zu
begegnen, die mit Eifer, Treue und viel Kraftaufwand versuchen, etwas aufzubrechen, was im letzten
Jahrhundert zubetoniert wurde. Ich kenne großartige Mitarbeiter katholischer Hilfsorganisationen
persönlich. Nur eins vieler Beispiele ist da Herr Probst und sein Team bei „Kirche in Not“ in der
Schweiz. Eine der nicht zu leugnenden Freuden sind die Treffen, die ich mit Papst Benedikt XVI. hatte.
Meistens waren sie kurz, aber in seiner und meiner Muttersprache. Unglaublich, wie viel schon in
einem einzigen Wort mitklingen, gesagt und verstanden werden kann! Dass ich der
Ordensgemeinschaft, die mich seit 20 Jahren durch ihr gutes Beispiel unterstützt (s.o.), auch weiterhin
im geistlichen Leben helfen darf, ist eins der Geschenke besonderer Art, für die ich, wie für die Eltern,
nie genug danken kann. Gerade heute endete ein Exerzitienkurs für drei junge Frauen, die den
Gedanken an eine Berufung zum Ordensleben in sich wahrnehmen. Seit 18 Jahren (+/-) darf ich
solche Kurse in den Sommerferien begleiten. Wenn ich noch dazu sage, dass wenig später auch
jedes Jahr mindestens ein Eintritt ins Kloster folgte, sei das ohne jeden Funken Stolz, und mit großer
Freude gesagt.
Nun möchte ich nicht den ganzen Nachmittag des „20. Jahrestages“ am Laptop verbringen. Dem
Herrn sei Dank, dass Er mich hier her geführt hat, genauso wie dafür, dass er mir bisher immer
Menschen geschickt hat, die mitgehen, auf ganz verschiedene, großartige, liebende Weise.
Mit Dank und herzlichen Grüßen
zurück         
zurück         
“St. Clemens” e.V., Lilienweg 12, 37308 Heilbad Heiligenstadt
Spendenkonto: Pax-Bank e.G. - BLZ: 370 601 93 - Ko.: 500 4950 030